Blog-Artikel

Schwarz-Weiss-Denken verhindern

Wenn zwei sich streiten ...

Paul Chaim Eisenberg beschreibt in seinem Buch „Auf das Leben! Witz und Weisheit eines Oberrabbiners“ ein Beispiel dafür, wie in seiner Kultur Konflikte zwischen Lebens-, Geschäfts- und sonstigen Partnern gelöst werden.

Die Parteien wenden sich an ihren Rabbi. Der hört sich die Argumente der ersten Seite an und sagt, "Du hast recht". Dann hört er die andere Seite an und kommentiert, "Du hast recht". Kommt die Frau des Rabbis herein und stellt fest, "Sie können doch nicht beide recht haben", erwidert der Rabbi: "Und du hast auch recht".

Der amerikanische Schriftsteller F. Scott Fitzgerald bermerkte: "Der Test für eine erstklassige Intelligenz ist die Fähigkeit, zwei sich widersprechende Ideen im Sinn zu halten und trotzdem zu funktionieren."

Die Kreativitätsforschung hat gezeigt, dass Menschen, die in mehr als einem Land gelebt haben, kreativer sind als Ein-Kultur-Menschen. Der Grund liegt wohl darin, dass beim Leben im Ausland oft erfahren wird, dass Handlungen und Symbole alternative, teils entgegengesetzte, Bedeutungen haben können. In manchen Ländern bedeutet unser Nicken "Nein" und unser Kopfschütteln "Ja". Unser Rautensymbol wird in England zum "Hash Tag" und in den Staaten zum "Pound Sign".

Einige Jahre in einem anderen Land machen offener für alternative Bedeutungen, Namen und Verwendungen. Damit wird es leichter sich Neuartiges vorzustellen. Der Entweder-oder-Reflex wird schwächer - zugunsten eines gesunden Sowohl-als-auch-Reflexes.

Die wichtigsten Punkte:

  • Schwarz-weiß-Denken, Entweder-oder-Denken, Urteilen führt zu Konflikten.
  • Graustufiges oder buntes Sowohl-als-auch-Denken, führt zu kreativen Lösungen.

Wie Sie mehr Granularität in der Diskussion erzeugen

Akzeptieren wir, dass in komplexen und unsicheren Fragen absolute Positionen nicht sinnvoll sind. Niemand stimmt zu 100 Prozent mit den Positionen und Prominenten der einen politischen Partei überein - und lehnt Positionen und Prominente der Gegenpartei zu 100 Prozent ab. Bei Wahlen dürfen wir (leider?) unsere Stimme nicht aufteilen.

Unsere Meinungsbildung wäre aber einfacher - und die Wahlergebnisse repräsentativer - wenn das möglich wäre. Vielleicht würden Sie dann 60 Prozent Ihrer Stimme der einen Partei geben, 30 Prozent einer anderen - und die verbleibenden 10 Prozent einer Dritten, die auch ein paar gute Punkte hat.

Oder stellen Sie sich die Fussballfans im Ruhrgebiet vor. Statt fanatischer Schalke-Fans, die dem BVB die Pest an den Hals wünschen - und umgekehrt, gäbe es Abstufungen auf einer 5 Punkte-Skala.

Und bei der Entscheidungsfindung im Unternehmen?

Ein Beispiel für abgestuftes Argumentieren

Zwei Stellen im Marketing sind zu besetzen. Nach Sichtung der Bewerbungsunterlagen werden 5 Kandidaten zum Vorstellungsgespräch eingeladen.

Alle 5 werden von der Marketing-Chefin, dem Vertriebsleiter und dem Personalchef einzeln interviewt. Die Führungskräfte sind vorher gebrieft worden. Ihre Aufgabe ist nicht, sich auf jeweils zwei Favoriten festzulegen. Sie sollen sich dazu überhaupt keine Gedanken machen.

Die Aufgabenstellung für jeden Interviewer ist, 

  1. 50 Punkte nach Präferenz auf die fünf Kandidaten zu verteilen. Oder
  2. je Kandidat auf einer Skala von 0 bis 100 Prozent die Wahrscheinlichkeit zu schätzen, dass, wenn der Kandidat eingestellt wird, die Marketing-Chefin das zwei Jahre später als richtige Entscheidung bezeichnen wird.

Nach Abschluss der Gespräche findet auch keine Diskussion über die Gründe der Einschätzungen statt. Man weiß schließlich, dass solche Entscheidungen ohnehin intuitiv gefällt werden - und der Verstand die (schein-) rationalen Gründe erst anschließend produziert.

Die Entscheidung wird einfach ermittelt durch Addition und Vergleich der Punkte oder Wahrscheinlichkeits-Prozente jedes Kandidaten.

Mein Umsetzungs-Tipp

Seien Sie doch im nächsten Monat einmal besonders hellhörig für Meinungskonflikte in wichtigen Entscheidungen. Wieviel Zeit und Entscheidungsqualität geht jedes Mal verloren, durch die falsche Annahme, klare Positionen beziehen und kraftvoll verteidigen zu müssen?

Überlegen Sie dann, welche Entscheider besonders offen dafür sind, eine neue Vorgehensweise auszuprobieren. Organisieren Sie einen Workshop mit diesen Personen. Sensibilisieren Sie sie für die Vorzüge differenzierter Einschätzungen und Bewertungen bei der Entscheidungsfindung.

Im nächsten Schritt können Sie gemeinsam anstehende Entscheidungen auflisten und einen differenzierten Mechanismus, ähnlich dem Beispiel, für sie festlegen.

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