Schluss mit Schwarz-Weiss-Denken

Ein Problem bei vielen Entscheidungen sind die absoluten, kategorischen Standpunkte der Beteiligten. Wenn Sie ausser Schwarz und Weiss auch die Graustufen fordern, vermeiden Sie Konflikte und bekommen bessere Entscheidungen.

Begründung

Wenn wir zwischen zwei (oder mehr) Alternativen entscheiden müssen, kristallisiert sich schnell eine als Favorit heraus. Interessant ist, dass uns im selben Moment die anderen Optionen plötzlich als völlig inakzeptabel erscheinen. So gehen wir in die Diskussion mit den Mitentscheidern.

Die haben denselben Prozess durchlaufen - nur nicht alle mit dem selben Ergebnis. Einige prinzipiell meinungsstarke Kollegen plädieren für Option A, einer für B. Die drei beteiligten Kolleginnen sind immer etwas zurückhaltend. Sie sind für Option B - scheuen aber das Wortgefecht mit den Meinungsstarken.

Option A wird durchgesetzt - und stellt sich als falsche Entscheidung heraus.

Mit einem einfachen Prinzip können wir dieses Entscheidungsproblem deutlich entschärfen.

Wie es funktioniert

Akzeptieren wir, dass in komplexen und unsicheren Fragen absolute Positionen nicht sinnvoll sind. Niemand stimmt zu 100 Prozent mit den Positionen und Prominenten der einen politischen Partei überein - und lehnt Positionen und Prominente der Gegenpartei zu 100 Prozent ab. Bei Wahlen dürfen wir (leider?) unsere Stimme nicht aufteilen.

Unsere Meinungsbildung wäre aber einfacher - und die Wahlergebnisse repräsentativer - wenn das möglich wäre. Vielleicht würden Sie dann 60 Prozent Ihrer Stimme der einen Partei geben, 30 Prozent einer anderen - und die verbleibenden 10 Prozent einer Dritten, die auch ein paar gute Punkte hat.

Oder stellen Sie sich die Fussballfans im Ruhrgebiet vor. Statt fanatischer Schalke-Fans, die dem BVB die Pest an den Hals wünschen - und umgekehrt, gäbe es Abstufungen auf einer 5 Punkte-Skala.

Und bei der Entscheidungsfindung im Unternehmen?

Ein praktisches Beispiel

Zwei Stellen im Marketing sind zu besetzen. Nach Sichtung der Bewerbungsunterlagen werden 5 Kandidaten zum Vorstellungsgespräch eingeladen.

Alle 5 werden von der Marketing-Chefin, dem Vertriebsleiter und dem Personalchef einzeln interviewt. Die Führungskräfte sind vorher gebrieft worden. Ihre Aufgabe ist nicht, sich auf jeweils zwei Favoriten festzulegen. Sie sollen sich dazu überhaupt keine Gedanken machen.

Die Aufgabenstellung für jeden Interviewer ist, 

  1. 50 Punkte nach Präferenz auf die fünf Kandidaten zu verteilen. Oder
  2. je Kandidat auf einer Skala von 0 bis 100 Prozent die Wahrscheinlichkeit zu schätzen, dass, wenn der Kandidat eingestellt wird, die Marketing-Chefin das zwei Jahre später als richtige Entscheidung bezeichnen wird.

Nach Abschluss der Gespräche findet auch keine Diskussion über die Gründe der Einschätzungen statt. Man weiß schließlich, dass solche Entscheidungen ohnehin intuitiv gefällt werden - und der Verstand die (schein-) rationalen Gründe erst anschließend produziert.

Die Entscheidung wird einfach ermittelt durch Addition und Vergleich der Punkte oder Wahrscheinlichkeits-Prozente jedes Kandidaten.

... und eine Empfehlung für Sie

Seien Sie doch im nächsten Monat einmal besonders hellhörig für Meinungskonflikte in wichtigen Entscheidungen. Wieviel Zeit und Entscheidungsqualität geht jedes Mal verloren, durch die falsche Annahme, klare Positionen beziehen und kraftvoll verteidigen zu müssen?

Überlegen Sie dann, welche Entscheider besonders offen dafür sind, eine neue Vorgehensweise auszuprobieren. Organisieren Sie einen Workshop mit diesen Personen. Sensibilisieren Sie sie für die Vorzüge differenzierter Einschätzungen und Bewertungen bei der Entscheidungsfindung.

Im nächsten Schritt können Sie gemeinsam anstehende Entscheidungen auflisten und einen differenzierten Mechanismus, ähnlich dem Beispiel, für sie festlegen.

Worüber möchten Sie mehr wissen?

Schreiben Sie uns doch einfach eine Email
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