Folge- und Nebenwirkungen durchdenken

Eine häufige Ursache von Fehlentscheidungen ist, dass Entscheider nur über die unmittelbaren und erhofften Wirkungen der Entscheidung nachgedacht haben. Wenn Entscheidungen in komplexe Systeme eingreifen, berücksichtigen Sie unbedingt diese Strategie.

Begründung

Wohlgemeinte Kleiderspenden für Entwicklungsländer ruinieren die lokale Textilindustrie - und vergrößern das Elend statt zu helfen. Nur ein Beispiel von unendlich vielen, in dem statt des beabsichtigten, positiven Effekts immenser Schaden verursacht wird.

Bei Entscheidungen im privaten oder beruflichen Umfeld sieht es nicht anders aus.  Visualisieren, Nachdenken  und kleine Schritte sind angebracht, wenn wir das Risiko kontrollieren wollen.

Wie es funktioniert

Die erste Strategie zur Vermeidung unerwünschter Folge- und Nebenwirkungen ist Nachdenken. Das Problem dabei: Die Menge an Informationen, die der menschliche Verstand parallel berücksichtigen kann, ist zu gering. Die Forschung sagt, sie liegt zwischen zwei und sieben Informationselementen. Viel zu wenig, um die Wechselwirkungen in einem komplexen Systems ohne Hilfsmittel zu analysieren.

Wir müssen das System (oder die Systeme, wenn mehrere betroffen sind) grafisch darstellen, visualisieren. Alles, was wir dazu brauchen, ist eine Wand oder ein großes Blatt Papier (an einer Wand), Haftnotizen in zwei Farben und Stifte. 

Ist alles bereit, fragen wir: "Auf welches System, oder welche Systeme, werden wir durch unsere Entscheidung einwirken?"

Schritt 1

Wir benennen das System, schreiben den Namen auf einen Haftzettel und kleben ihn mitten auf unsere Arbeitsfläche. 

Von hier sammeln wir die Elemente, die das System ausmachen. Jedes Element wird auf einem Haftzettel notiert - und die Zettel werden um den Systemnamen herum geklebt.

Entscheidungssystem
Von Entscheidung betroffenes System

Tip dazu: Elemente sind

  • Menschen (oder andere Lebewesen),
  • Gegenstände, Maschinen, Anlagen und Ähnliches,
  • Unternehmen, Institutionen und Ähnliches,
  • Software-Programme und Ähnliches.

Keine Elemente hierbei sind abstrakte Konzepte (Sommer, Gerechtigkeit, ...).

Schritt 2

Hier nehmen wir jedes Element und fragen: "Welche Funktion führt das Element aus? Wie wirkt es auf andere Elemente ein?" Dies erst einmal ohne die Auswirkungen der Entscheidung. Sie notieren diese Funktionen und Wirkungen auf Haftnotizen in zweiten Farbe.

System vor Entscheidungsumsetzung
Wechselwirkungen im von Entscheidung betroffenem System

Schritt 3

Wir untersuchen, ob das System durch die getroffene Entscheidung sein Gleichgewicht verliert - und welches neue Gleichgewicht sich einstellen wird. Im Beispiel kommt das neue Systemelement "Wohltätigkeitsorganisationen" ins Spiel. Es wirkt direkt auf das vorhandene Element "Textilgroßhändler" ein.

Das System wird nach der Intervention etwa folgenden Zustand einnehmen:

System nach Entscheidungsumsetzung
System nach Implementierung der Entscheidung

Man sieht schnell, dass die Umsetzung der Entscheidung "Kleiderspenden in Entwicklungsland importieren" mehr Auswirkungen hat, als nur besser gekleidete, arme Menschen.

Die Analyse, die wir hier durchgeführt haben, ist relativ grob. In der Realität gibt es natürlich noch weitere Elemente, die - zum Beispiel - von einem Niedergang der Textilindustrie betroffen sind. Oder von der Notwendigkeit der Landwirte, sich andere Einkommensquellen zu erschließen.

Ist die Konsequenz aus der Analyse, dass keine Kleiderspenden in das Entwicklungsland importiert werden sollten? Nicht unbedingt! Es gibt ja immer noch das Problem der armen Einwohner, die über keine akzeptable Kleidung verfügen. Wir würden an dieser Stelle eine Lösung suchen, die keine - oder weniger - unerwünschte Folge- und Nebenwirkungen hat.

Ein praktisches Beispiel

Es ist einfach, in Politik, Verwaltung, Gesellschaft und Unternehmen Beispiele für dieses Problem zu finden. Ein Blick in die Zeitung genügt.

In Unternehmen bietet sich diese Beispiel an:

  • die Einführung neuer Anreiz- und Belohnungssysteme
  • Re-Organisation, Re-Engineering
  • Strategiewechsel
  • Innovationsprojekte
  • Pricing-Entscheidungen

... und eine Empfehlung für Sie

Sicherlich kann nicht für jede anstehende Entscheidung im Tagesgeschäft eine umfangreiche Systemanalyse durchgeführt werden.

Was Sie aber tun können, ist sich eine Merkhilfe anlegen. Suchen Sie sich im Internet einen Icon oder ein Bild, welches ein komplexes System darstellt. Drucken Sie es aus, zeichnen Sie ein großes Fragezeichen darauf   und hängen es an eine Stelle, die Sie häufig sehen.

Nehmen Sie sich vor, sich - oder auch andere - vor Entscheidungen zu fragen: Ist diese Entscheidung wichtig? Und: Greift sie in ein komplexes System ein?

Wenn Sie beide Fragen mit "Ja" beantworten, ist es Zeit, systematisch die Folge- und Nebenwirkungen der Entscheidung zu prüfen.

Worüber möchten Sie mehr wissen?

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