An Bayes und Laplace denken

Viele Fehlentscheidungen werden getroffen, weil eine statistische Regel aus dem 18. Jahrhundert nicht berücksichtigt wird. Die Bayes-Regel ist Grundlage für Spam-Filter und künstliche Intelligenz. Ihr Grundprinzip kann jeden zu einem kompetenteren Entscheider machen.

Begründung

Mit jeder Entscheidungsfindung müssen wir implizit oder explizit zwei Fragen beantworten:

  1. Welche Ziele sollen erreicht und welche Randbedingungen eingehalten werden (Klärung).
  2. Wieweit erreichen wir diese Ziele durch die einzelnen Entscheidungsalternativen (Prognose).

Nun ist bekannt, dass wir alle in der Vorhersage künftiger Entwicklungen und den Auswirkungen von Handlungen nicht sehr leistungsfähig sind. Das trifft auch auf ausgewiesene Experten zu. Deshalb der bekannte Spruch: "Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen."

Zur Herleitung einer Prognose haben wir meist zwei Informationsquellen.

  • Informationen über die konkrete, spezifische Entscheidungsalternative.
  • Informationen über die "Basisrate", die statistischen Resultate möglichst ähnlich gelagerter, empirischer Fälle.

Entscheider berücksichtigen überwiegend, oft ausschließlich, die erste Art von Informationen. Grundverteilungen werden meist ignoriert. Und so werden mit großem Optimismus Dinge beschlossen, die statistisch fast immer schief gehen.

Wie es funktioniert

Bei wichtigen und wiederkehrenden Entscheidungen machen Sie es zum Standard, statistische Informationen zu ähnlichen Fällen zu beschaffen.

  • Wenn Sie über eine Firmenakquisition entscheiden, sollten Sie herausfinden, wie viele von 100 solcher Akquisitionen erfolgreich enden - und wieviele nicht.
  • Bevor Sie einen Mitgliedsvertrag mit einem Fitness-Studio unterschreiben, suchen Sie nach Informationen, wie viele Menschen jedes Jahr einem Studior (oder eine Studiokette) beitreten - und welcher Teil davon nach einem Jahr noch regelmäßig trainiert. Ihre aktuelle Motivation hat weniger Prognosekraft als die Statistik.
  • Bevor Sie ein unternehmensweites Transformationsprojekt starten, fragen Sie, welcher Teil der Entscheider, die dies schon initiiert haben, es noch einmal machen würde.

Grundsätzlich also: Entscheiden Sie möglichst nicht nur auf Grundlage der eigenen Motivation und Situation. Wahrscheinlich ist Ihr Fall gar nicht so speziell. Besorgen Sie sich Statistiken zu verschiedenen Basisraten.

Was nun, wenn solche Informationen nicht zu bekommen sind? Hier kommt der Satz von Laplace zum Einsatz. Wir geben jedem möglichen Ausgang dieselbe Wahrscheinlichkeit. In der Frage der Firmenakquisition würden wir also annehmen, dass 50% erfolgreich sind und 50% nicht. Oder dass die Hälfte der Entscheider wieder akquirieren würde - und die andere Hälfte nicht.

Ein praktisches Beispiel

Ein Geschäftskunde sprach beim Abendessen, nach einem Workshop, ein privates Entscheidungsproblem an. Er lag im Rechtstreit mit seiner Bank. Sein Ziel war, der Bank eine Fehlberatung nachzuweisen und die Verluste, die er mit sogenannten "strukturierten Anlagen" erlitten hatte, von der Bank erstattet zu bekommen.

Dazu hatte er sich einer Sammelklage angeschlossen. In der ersten Instanz wurde die Klage abgewiesen. Der vertretende Anwalt empfahl den Anlegern nun zum einem Kapitalanleger-Musterverfahren in der nächsten und letzten Instanz.

Die Kosten dieses Schritts lagen bei einigen hundert Euro. Bei Erfolg erwartete er eine Erstattung von knapp viertausend Euro. Der Anwalt hatte den Klägern auf zwei Seiten ausführlich erklärt, warum er sehr optimistisch hinsichtlich der Erfolgsaussichten war. Die Gründe bezogen sich alle auf den spezifischen Fall.

Man kann davon ausgehen, dass ca. 100% aller Anwälte die Erfolgsaussichten als hoch einschätzen, wenn sie zur Klage raten - dass aber nicht 100% aller Kapitalanleger-Musterverfahren im Sinne der Kläger entschieden werden.

Mein Rat war, zu recherchieren, ob statistische Informationen erhältlich sind, wieviel von 10 solcher Verfahren im Sinne des Klägers, und wieviele im Sinne der Bank entschieden werden.

Falls diese Information nicht verfügbar ist, wäre der nächste Schritt, einen oder einige Experten um eine Schätzung zu bitten. Allerdings nicht den vertretenden Anwalt, denn der kann in der Frage nicht objektiv sein.

Falls das nicht gelingt, oder in dem Fall zu aufwändig wäre, sollte er von einer 50%-igen Erfolgschance ausgehen und Risiko (Verlust der zusätzlichen Kosten) und Chance (Erstattung des Verlustes durch die Bank) gegenüberstellen.

... und eine Empfehlung für Sie

Schulen Sie Ihre Entscheider darin, bei wichtigen Entscheidungsfindungen Annahmen und besonders Prognosen explizit zu machen; schriftlich und transparent für alle Beteiligten. Üben Sie, kritische Annahmen und Prognosen zu identifizieren und Informationen zu Basisraten zu beschaffen oder belastbare Schätzungen der Basisraten zu erstellen.

Wenn Sie Controller beschäftigen, nehmen Sie sie in die Pflicht, konsequent Informationen über Basisraten zu fordern. Wie viele von 10 Produkteinführungen sind erfolgreich? Insgesamt und im eigenen Unternehmen? Wie viele Unternehmen, die die vorgestellte Software eingeführt haben, würden dies wieder tun? Wie viele Unternehmen, die eine Produktion in China aufgebaut haben, würden dies wieder tun?

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